„Aufwachsen in emotionaler Armut“
„Arche“-Gründer Bernd Siggelkow beim Katholischen Bildungswerk Forbach-Weisenbach zu Gast
Rund 2,5 Millionen Kinder in Deutschland wachsen in finanzieller Armut auf, ihre Entwicklungs- und Bildungschancen sind gefährdet. Im Jahr 1995 gründete der freikirchliche Pastor Bernd Siggelkow in Berlin das christliche Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“ mit dem Ziel, benachteiligte junge Menschen zu fördern. Auf Einladung des Katholischen Bildungswerks Forbach-Weisenbach berichtete der sechsfache Familienvater am Donnerstagabend im St. Josefshaus über die Anfänge und die Arbeit heute.
„Wir machen Kinder stark fürs Leben“, erläuterte der 52-Jährige das Motto des Vereins. Mittlerweile ist „Die Arche“ an 24 Standorten an sozialen Brennpunkten vertreten, in den neuen wie in den alten Bundesländern. Die Angebote reichen von einem kostenlosen Mittagessen über Hausaufgabenhilfen, sinnvolle Freizeitangebote und Ferienerlebnisse. Auch in einer ländlichen Region wie dem Murgtal würden die sozialen Probleme drängender, betonte Pfarrer Thomas Holler, Leiter der Seelsorgeeinheit Forbach-Weisenbach, bei der Begrüßung der rund 25 Besucher. Ähnlich urteilte Siggelkow, der mit seiner Familie einige Jahre in Lörrach gelebt hat: „Es ist anders, es ist versteckter“. Die Gesellschaft habe in den vergangenen Jahrzehnten einen Sprung zum Negativen, Oberflächlichen gemacht, so eine der Kernthesen des freikirchlichen Pastors. Das Grundkonzept der Arche laute deshalb „Liebe und Beziehung“. Siggelkow warnte: „Viele Kinder wachsen in emotionaler Armut auf“. Mittelpunkt jeder Arche ist der Tisch im Essraum. „Wir haben diesen Tisch nicht, um Kinder satt zu machen“, so der Arche-Vorsitzende, „da sitzt ein Mitarbeiter und der hört den Kinder zu“. Die Arche-Mitarbeiter sind feste Bezugspersonen für die Kinder. „Ein Kind ist kein kleiner Erwachsener“, so der Pastor. Oft müssten aber Kinder Alleinerziehender früh Verantwortung für jüngere Geschwister übernehmen, im Haushalt funktionieren. Seit 21 Jahren gibt es die Archen, längst besuchen Kinder früherer Arche-Kinder die Einrichtungen. Die Quote von Teenagerschwangerschaften sei in den sozialen Brennpunkten Berlins hoch, meint Siggelkow.
„Einer der Mitarbeiter ist 24 Stunden am Tag erreichbar.“ Auch bei dem Arche-Gründer, der von allen Kindern mit dem Vornamen angesprochen wird, klingelt das Telefon dauernd. Durch das enge Vertrauensverhältnis erlebt der Pastor Familiendramen hautnah. So zum Beispiel den Anruf einer Alleinerziehenden, die droht, sich umzubringen, weil man ihr die Kinder wegnehmen will. Kritik äußerte er an Jugendämtern und Gerichten, die eine dreifache Mutter wegen wiederholtem Schwarzfahrens ins Gefängnis schickten. Siggelkow (Jahrgang 1964) wuchs bei seinem Vater und der Großmutter im Hamburger Stadtteil St. Pauli auf, seine Mutter hatte die Familie verlassen. Er sagt von sich selbst, nur „grauenhafte Erinnerungen“ an seine eigene Jugend zu haben. „Was unsere Menschheit braucht, ist Liebe“, so der Berliner, der als Pastor bei der Heilsarmee begann. „Ich betreue keine Kinder, ich lebe mit den Kindern, die in die Arche kommen“. Für sein ehrenamtliches Engagement wurde Siggelkow unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Rückreise nach Berlin trat der Arche-Vorsitzende nicht mit leeren Händen an: Stellvertretend für die Katholische Frauengemeinschaft Bermersbach überreichte Anja Laubel einen Scheck in Höhe von 500 Euro.
Mit freundlicher Genehmigung der BNN
von Georg Keller
